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Viola Today M a g a z i n


     
 

Jenseits vom Notenpult (oder: ein etwas anderer Bratscher wird 65)

Wenn jede Originalkomposition von der barocken Zeit bis zum wahrscheinlich ersten Bratschenkonzert des 21. Jahrhunderts (Gil Shohat, Jungstar der israelischen Komponistenszene hat das Opus geschrieben und Tabea Zimmermann im Oktober 2001 in Berlin uraufgeführt) seinen Reiz verloren hat, wenn jede Transkription für Bratsche von mittelalterlichen Tänzen über die Cello-Suiten von Bach bis zu Verbrechen der Neuzeit (es gibt neben den "Pop-Hits für Blockflöte" auch "Pop-Hits für Bratsche"!) abgestanden ist, dann strebt die/der Bratschenbegeisterte zu anderen (musikalischen) Ufern, entweder aktiv oder passiv (als Musikhörer). Aber wo findet man die Bratsche (auch Viola genannt) in anderen als den "ernsten" Gefilden? Hat jemand schon von Rockbratschistinnen und Rockbratschisten gehört? Wer ist in der Avantgarde, wer im Jazz tätig?

Bei der kleinen viersaitigen Verwandten der Bratsche, der Geige, sieht es mit der Migrationsbewegung von "ernsten" in andere Musikgefilde auf den ersten Blick ganz anders aus. Zwar gibt es auch unrühmliche Beispiele (Vanessa-Mae kann dem geneigten Popkonsumenten nicht nur die vier Jahreszeiten fiedeln, sondern auch werbewirksam nasse T-Shirts tragen). Die mit dem Schlüssel- und Gummibegriff "Crossover" zu bezeichnenden Ausflüge des so genannten "Punkgeigers" Nigel Kennedy zu Jazz, Klezmer und Jimmy Hendrix oder einem Solo bei Paul McCartney werden jedoch immer wohlwollend zur Kenntnis genommen (ein ganz böser Bratschenwitz von Herrn Kennedy: was ist die Gemeinsamkeit zwischen Bratschern und den Terroristen des 11. September? "They both fuck up with the bowing/Boeing!"). In der Popmusik sind Streicherbegleitungungen mit Geigen - ob solo oder im Ensemble - untrennbar mit vielen Songs verbunden. Künstler werten ihre Musik mit Geigensolisten auf, im Folk- und Countrybereich und "Graubereich" zwischen Pop und Country spielt die Geige seit jeher eine wichtige Rolle. Mik Kaminsky hat z.B. mit seiner elektrischen Geige in der Streichergruppe neben den zwei Cellisten das Electric Light Orchestra während der Glanzzeit (1973-1983) "erleuchtet", Dave Arbus (East of Eden) war mit The Who (Baba O`Reilly wurde die erfolgreichste Single) aktiv. Im Bereich zwischen Pop und Avantgarde operiert die zynische Laurie Anderson mit elektrischer Geige. In Deutschland kennt man im Pop- und Rockbereich Namen wie Georgi Gogow von City, Hans Wintoch alias "Hans die Geige" oder Lonzo, die Gruppe "Das Holz" (zwei Geigen und ein Schlagzeug) und die Inshtabokatables (Mittelalterrock).

Aber die Bratsche? Es gibt Ensembles mit einer Bratsche: umtriebige, experimentierfreudige und avantgardistische Streichquartette (wie das Brodsky Quartet, Kronos Quartet, Modern String Quartet, Soldier String Quartet, Turtle Island String Quartet) oder das Penguin Café Orchestra, das mit Geoffrey Richardson (auch Mitglied der Gruppe Caravan) einen außerordentlich vielseitigen Bratscher (der sein erstes Soloalbum "Viola Mon Amour" nannte, aber auch Gitarre, Bass, Mandoline, Ukulele und Cuatro spielt) hatte. Und die Solistinnen und Solisten? Wer noch weiter sucht, wird fündig: John Cale natürlich, der Pate der elektrischen Bratsche, der schon vor über vier Jahrzehnten aktiv war. Er hat das Instrument dahin gebracht, wo sich kein anderes Orchesterinstrument bis dahin vorgewagt hat! Komponist, Arrangeur, Songwriter, Sänger, Performer, Musiker bei Velvet Underground (Viola, Piano, Bass), Produzent und Musiker zwischen Klassik, Avantgarde, Minimalismus und Rockmusik, sogar Schauspieler und Model. Die Herren von Cream haben die Bratsche des vielseitigen Musikers und Produzenten Felix Pappalardi eingesetzt.

Dann gibt es Robbie Steinhardt, der bei den Progressive-Rockern Kansas (ja, genau, die mit dem Kulthit Dust in the Wind) Geige und Bratsche bediente und sang. Es gibt weitere eigenständige, expressive Solisten: In den Siebzigern waren Art Zoyd (Avant-Prog) aus Frankreich (Viola: Gerard Hourbette) genauso wie die deutschen Artrockbands Parzival (Hans Jaspers) und Hölderlin (Christoph "Nops" Noppeney) mit einem Violasolisten ausgerüstet. Im Bereich Elektro und Avantgarde sind dies heute die Bands Violet Cab (mit Viola, Live-Elektronik und Drums) und Experimental Audio Research, letztere verbinden Minimalismus, Rockmusik, E-Viola und Improvisationsästhetik miteinander. Freeway Philharmonic mit der Besetzung Viola, Bass, Gitarre und Drums stehen für eine Mischung aus Jazz, Pop, Rock und Klassik. Weitere Gruppen wie Diaspora, Garmana, Hands und Lily of The Valley aus verschiedenen Regionen des Rockglobus haben oder hatten auch die Bratsche dabei. Die Sängerin und Bratscherin Mary Ramsey ist Mitglied des Duos John & Mary und der Band 10.000 Maniacs (Independent-Rock).

Der Punkgitarrist und Bratschist Andy Moor spielte bei den Dog Faced Hermans und The Ex, seine weiteren Projekte heißen Kletka Red und Little Red Spiders. Weitere Künstler wie Ilene Novog, Stuart Gordon, Chris Carmichael und Nell Catchpole erscheinen auf den Werken vieler Pop-und Rockmusiker. Martie Seidel (Dixie Chicks) und Ray Shulman (Gentle Giant) spielen überwiegend Geige und haben die Viola nur auf je einem Album eingesetzt. Bekannte Bands wie die Fehlfarben, Spock`s Beard und XTC haben ihre Musik auch mit einer Bratsche angereichert. Weitere interessante Namen aus Jazz, Folk und experimenteller Musik sind Paolo Botti, Leanne Darling, Eric Golub, Charlotte Hug, Tanya Kalmanowitch, Mat Maneri,
Jen Clare Paulson, Anatol Stefanet, Mezei Szilard und Lev Zhurbin. Hier soll es jedoch nur um John Cale gehen. Neben dem Geburtstag (9. März 1942) gibt es noch ein neues Album von Cale (Circus Live) sowie 40 Jahre eines Meisterwerks zu feiern: "The Velvet Underground & Nico" erschien im März 1967. Und vor 20 Jahren gab es einen Toten zu beklagen: den Entdecker und Förderer der Band Velvet Underground: Andy Warhol.



Was ist besonders an Cale?

Wer Jan Schüttes deutsch-polnische Filmproduktion "Der Abschied" über einige der letzten Tage Bert Brechts (im August 1956 in seinem Refugium am Buckower Schermützelsee) im Kino oder Fernsehen sah, hat vielleicht die wenigen, schlanken, wiederkehrenden Klavierthemen des Soundtracks bemerkt. Woher kommen sie? Komponiert hat sie ein überaus vielseitiger Komponist, Arrangeur, Songwriter, Sänger mit markantem, leicht nasalem Bariton, Performer, Produzent und Musiker, sogar Autor, Lyriker, Schauspieler und Model, der Keyboards sowie Gitarre und Bass bedient und ....ja, natürlich, bekannt für sein elektrisches Bratschenspiel ist: John Cale. Darüber hinaus hat er auf vielen Samplern als Produzent, Musiker oder Sänger seine Spuren hinterlassen. Mitgewirkt als Musiker hat er neben vielen anderen Produktionen bei Aufnahmen von William Burroughs, Leonhard Cohen, Brian Eno, Nick Drake, Mike Heron, Nico, The Replacements, Jack Smith, The Stooges, der einstigen Weggefährtin Maureen Tucker und Suzanne Vega. Und er war natürlich - siehe oben - Mitglied der Kultband Velvet Underground.

Die Liste seiner Produzententätigkeit ist sehr lang: Nicos erste Alben, bei denen er auch als Musiker und Komponist aktiv war, und in alphabetischer Reihenfolge Elements of Crime, Lio, Jesus Lizard, Happy Mondays, Jonathan Richman and the Modern Lovers, Patti Smith ("Horses"), Sham 69, Siouxsie an The Banshees, Squeeze, The Stooges (bei beiden wie bei Patti Smith die hochgelobten Debütalben), Jennifer Warnes, und, und, und... Es ist erstaunlich, dieser Mann hat am 9. März 2002 sein 65. Lebensjahr vollendet.

Deutschland und speziell Berlin sind ihm nicht unbekannt, denn er hat hier seit 1974 viele Konzerte absolviert, zwischen 2001 und 2006 ganze sechs: zuletzt im Dezember 2001 (solo) sowie im Juli und November 2003 und dann im September 2005 und März 2006 (jeweils mit Band); dazwischen 2004 die multimediale Soloperformance des Soundtracks zu "Process" im Haus der Kulturen der Welt. Und er hat eine einst unbekannte, jetzt zu Kultstatus erlangte Berliner Band, deren erstes Album nur 800 Anhänger fand, in London für das Major-Label Polydor produziert und auf vier Stücken Keyboards gespielt: Element of Crimes "Try to be Mensch" von 1987, die zweite Langrille der Band. Leider wird diese Produktionstätigkeit in Aufzählungen von Cales Aktivitäten vehement (weil zu unbedeutend aus nichtdeutscher Sicht?) verschwiegen. Interessantes Detail am Rande: Der Gitarrist und Tontechniker David Young, der mit John Cale seit 1982 zusammen spielt, wurde der Produzent, Tour- sowie Studiogitarrist und jetzt auch noch Bassist von Element of Crime. In Berlin ist auch Nico begraben und dort wohnt und arbeitet auch Lüül alias Lutz Ulbrich, Gitarrist und Songschreiber mit interessanter Biografie, Banjospieler bei den 17 Hippies und in den Siebzigerjahren Lebensgefährte von Nico. Lüül hält losen Kontakt zu Cale, haben er, Nico und Cale doch 1979 gemeinsam in New York gespielt. Und eine Tote zu beklagen.
Wer ist Cale? Was hat er geleistet?

Geboren wird Cale am 9. März 1942 in Garmant, Wales, als Sohn einer einflussreichen Lehrerin und eines Bergmanns. John Cale beschreibt seine Jugend im provinziellen Wales wesentlich geprägt von der Dominanz der Mutter - und der Unfähigkeit, mit dem Vater zu sprechen. Der spricht kein Walisisch, und Englisch lernt John erst mit sieben. Er genießt eine klassische Ausbildung, beginnt mit sieben Jahren das Klavier- und Violaspiel, spielt die Kirchenorgel und im Alter von 13 Jahren die Viola im walisischen Jugendorchester. Seine erste eigene Klavierkomposition, Toccata in the Style of Khachaturian (ebenfalls mit 13 Jahren) wird beim BBC aufgenommen. Cale studiert von 1961 bis 1963 am London Conservatory of Music ("Goldsmith College") Komposition, Piano und Viola. Höhepunkte des Jahres sind die jährlichen Weihnachtskonzerte. Dort werden Cales Werke aufgeführt, er spielt im Streichquartett und im Orchester als Stimmführer der Bratschen. Zu Weihnachten 1962 übernimmt er die Solostimme der Elegie für Solovioline, Streichquartett und Streichorchester von Herbert Howells und tritt beim schwierigen und obskuren Terzet von Holst auf, bei dem jeder der drei Musiker in einer anderen Tonart spielt.

Die Leidenschaft Cales für Musik beschreibt auch eine Sehnsucht nach Verständigung, die Kunst wird nicht zur Heimat, sondern bleibt ein Fluchtpunkt. Ob im Jugendorchester, nachts am Radio (wo er Rock ´n´ Roll, Skiffle und Jazz entdeckt) oder am Konservatorium, wo er das erste Mal seine Lehrer befremdet, als er zum Studienabschluss, im Sommer 1963, beim mitorganisierten "Little Festival of New Music" ein Klavierkonzert im Knien mit den Ellbogen gibt. Später nimmt er schon mal die Axt. Cale kommt nach eigenen Angaben anfangs nie auf die Idee, selbst Rock ´n´ Roll-Musik zu spielen, sondern beschäftigt sich mit der klassischen Avantgarde-Musik sowie mit elektronischer Musik und Performances des britischen Komponisten Humphrey Searle. Cales Lehrer Cornelius Cardew bringt ihm John Cage, La Monte Young und andere amerikanische Komponisten näher.

Cale ist von Selbsthass geplagt, aber mit einem Leonard-Bernstein-Stipendium in den USA ausgerüstet, vermittelt von dem bekannten amerikanischen Komponisten Aaron Copland, den er in London hartnäckig bearbeitet, um den großen Teich zu überqueren. Cale kann im Sommer 1963 bei Iannis Xenakis moderne Komposition am Eastman Conservatory in Tanglewood studieren. Das ist ein Jugendtraum, obwohl Aaron Copland Cales Spielweise später für destruktiv hält, um die institutseigenen Instrumente fürchtet und den Traum beendet. Mit dem Avantgarde-Komponisten und (Fast-) Namensvetter John Cage führt Cale ein Pianowerk Saties (Vexations) auf, dessen Hauptthema, bestehend aus 180 Noten, von 13 Pianisten in 18 Stunden 840 mal wiederholt wird. Nach dem kurzen Zwischenspiel in Tanglewood fährt Cale nach New York. Mit Entschlossenheit steigt Cale dann von der Avantgarde immer weiter in den New Yorker Underground. Einen entscheidenden Einfluss übt der Komponist La Monte Young aus, den Cale in New York aufsucht.

Der legendäre Minimalist, dessen Arbeit kaum dokumentiert ist, experimentiert mit seiner Frau, mit Cale und dem Violinisten Tony Conrad in der Gruppe Dream Syndicate bzw. Theater of Eternal Music. Hier hört man zum ersten Mal Cales charakteristisches Viola-Dröhnen, das später durch den Sound der Formation klingen sollte, die John Cales Ruhm begründete und sein Ego bis heute verstört: The Velvet Underground. Für einen spezifischen, metallischen Sound wie ein Düsenjet bespannt Cale seine Viola mit Gitarrensaiten, feilt den Steg gerade, um drei Saiten gleichzeitig spielen zu können und stimmt sie z. T. auf ungewöhnliche Weise. Auf Konzerten spielen The Dream Syndicate Stücke, die aus einzelnen, lang anhaltenden Tönen bestanden, die über Stunden ununterbrochen gespielt wurden. Damit erprobt Cale die monotone und minimalistische Spielweise. Selten sind Cales Erinnerungen so unbeschwert wie in den frühen New Yorker Tagen, mit leichten Drogen von La Monte Young, "dem besten Dealer der Avantgarde": "Wir gründeten The Dream Syndicate, das aus zwei verstärkten Stimmen, eine verstärkte Geige und meine verstärkte Viola bestand. Das Konzept der Gruppe war, Noten bis zu einer Länge von zwei Stunden zu halten. La Monte hielt die tiefsten Noten, ich hielt die nächsten drei auf meiner Viola, seine Frau Marian hielt die nächste Note und Tony Conrad hielt die höchste Note. Das war meine erste Gruppenerfahrung, und was es für eine Erfahrung war!"

Anfang 1965 findet Cale dann zur Rockmusik, als er Lou Reed kennen lernt. Der ist Songwriter beim Label Pickwick. Dort werden auch Aufnahmen von Studiomusikern zusammengestellt und mit Fantasienamen auf den Markt geworfen. Eine dieser Gruppen sind die "Primitives", und diese sollen mit einer potentiellen Hitsingle (The Ostrich) bekannt werden. Um die Single zu promoten, muss nun eine in dieser Zeit wird er wohl zum ersten Mal zu Gitarre und Bass gegriffen haben. Cales Kenntnisse über serielle Formen der Musik bilden den Grundstein für den ganz eigenen, anderen und damals fast revolutionären Sound der Velvet Underground. Cale kommt zwar von der Klassik, erkennt aber in Lou Reed und dessen Songs einen, der ihm auf eine anspruchsvolle Art das große Gebiet des Rock ´n´ Roll näher bringen konnte und mit dem er seine eigene Musikvorstellung verwirklichen konnte. Cale ist jedoch nicht nur auf die Viola beschränkt, sondern spielt bei Velvet Underground abwechselnd auch Klavier, Orgel und Bass. Der Pop Art-Papst Andy Warhol engagiert die Band, die sich 1965 in Syracuse, New Jersey als The Falling Spikes (später: The Warlocks) gegründet hat, für seine Multi-Media-Show "The Exploding Plastic Inevitable", die ab April 1966 im "Dom" (polnisch für Haus) auf der New Yorker Lower East Side und danach in anderen amerikanischen Städten gezeigt wurde. Die Freundschaft mit Andy Warhol ist eine der wenigen dauerhaft freundlichen Erlebnisse in Cales Leben. Immer wieder kreuzen sich ihre Wege, auch nachdem Lou Reed Warhol als Manager von Velvet Underground absetzt. Zur Band gehören neben Cale und Reed (Gesang und Gitarre) auch Sterling Morrison, späterer Literaturdozent (Gitarre, Bass), und Maureen ("Mo") Tucker, damals die erste Schlagzeugerin einer Starband. Spielt Cale nicht Bass, dann muss Morisson als Kompromisslösung das für ihn verhasste Instrument spielen. Es gibt keine feste Besetzung, bisweilen Chaos auf der Bühne, und auch Moe Tucker muss mal den Bass zupfen. Vollständige Liveaufnahmen aus der ersten Zeit der Epoche machenden Band mit John Cale sind unglücklicherweise nicht vorhanden.

Nico alias Christa Päffgen aus Deutschland, geboren 1938, Ex-Model, Schauspielerin (eine Rolle in "La Dolce Vita"), Sängerin (eine gefloppte Single im Jahr 1965, produziert von Jimmy Page), damals Superstar der Warholschen Film-Factory, hilft der Band seit 1966 als distanzierte Sängerin mit einem unvergleichlichen leeren, dunklen, morbiden Gesangsstil. Ihre Versuche, der Band Bob Dylan näher zu bringen, scheitern. Sie hassen die "Folkies" und Dylan, orientierten sich an Gitarrenbands oder haben schlicht keine Vorbilder. Auch andere von ihr ausgewählte Stücke werden abgelehnt. Ihr Anteil an der ersten LP, die 1966 aufgenommen wurde, ist leider nur gering, es werden ihr nur drei Reed-Stücke zugebilligt (Femme Fatale, All Tomorrow`s Parties, I`ll Be your Mirror). Mehr Raum will ihr der egozentrische Lou Reed nicht lassen, auf der Bühne speist er sie oft mit dem Tambourin ab. Das wird auch in dem Warhol-Film "Velvet Underground & Nico" (1966) deutlich, eine einstündige Dokumentation der Gruppe mit einem improvisierten Stück und Cale an Bratsche, Bass und einem selbst gebastelten Instrument mit Stahlfedern. Nico hat jedoch im "Dom" die Gelegenheit, ab Ende 1966 ein Soloprogramm (mit wechselnder Gitarrenbegleitung) aufzuführen. Häufiger Begleiter war Jackson Browne, ein erst 16jähriges Wunderkind, mit dem Nico damals zusammen lebte. Mit dabei Cales erste eigene Rockkomposition (Winter Song) und ein Song, den er mit Lou Reed schreibt, ein Reed-Song sowie ein Song, den Lou Reed und Sterling Morrison verfasst haben (Chelsea Girls). It Was a Pleasure Then ist ein Gemeinschaftwerk von Nico, Cale und Reed, in dieser Besetzung (Cale an der Bratsche, Reed an der Gitarre) aufgenommen, und hebt sich damit vom Rest der Aufnahmen ab. Nico hatte die Gelegenheit, diese Stücke für ihre erste LP ("Chelsea Girl") aufzunehmen. Dazu kam das Stück I´ll Keep it with Mine, das ihr Bob Dylan nach einer kurzen Affaire in Paris vermacht (und Velvet Underground partout nicht spielen wollen und können, s.o.) und Stücke von Jackson Browne, der den Gitarrenpart übernimmt, sowie ein Stück von Tim Hardin. Das Album wird von Tom Wilson produziert, der schon beim ersten Velvet Underground-Album im Hintergrund operiert und auch das zweite produziert. Im Mai 1967 verläßt Nico endgültig die Band (nach dem auch die Show "The Exploding Plastic Inevitable" ein Ende findet und die Zusammenarbeit mit dem großen Mentor Warhol im Sande verlief), behält jedoch in John Cale einen musikalischen Freund, Mentor und Unterstützer, der Nicos erste eigene Stücke auf die Beine helfen wird. Cale nimmt auch einen großen Platz in der bekannten Nico-Dokumentation "Nico-Icon" ein.

Cale ist auf den Alben "Velvet Underground & Nico" (das Album kommt im März 1967 auf den Markt, das Erscheinen verzögerte sich) und "White Light/White Heat" (Januar 1968) zu hören. Gemessen an dem Ruf als furioser elektrischer Bratscher ist die Zahl der mit Velvet Underground aufgenommenen Titel mit Bratsche eher gering: Auf Sunday Morning, Venus in Furs, Heroin und The Black Angel`s Death Song vom ersten Album spielt Cale Bratsche. Auf dem zweiten Album sind nur zwei Titel mit Bratsche dabei: Lady Godiva`s Operation und Here She Comes Now. Bei beiden Titeln bleibt Cale stark im Hintergrund, sein kompositorischer Anteil und sein Instrumentalspiel (Orgel, Bass) sind auf dem Album jedoch sehr prägend.
Interessant sind die beiden Titel Stephanie Says und Hey Mr. Rain (Version I und II) mit starkem solistischem Einsatz. Beide Titel wurden erst später veröffentlicht und erschienen nicht auf den regulären Alben. Weitere Titel sind nicht auf Platte gebannt.

Der Name der Band ist Synonym für die verruchte Seite der Rockmusik, für Drogen und Sex, Lärm und Gewalt. Im Zentrum stehen mit Cale und Lou Reed zwei genialische Exzentriker, deren Grossmäuligkeit ihrer Brillanz kaum nachstand. Der geniale Lärm, von dem die Zuschauer stets übermannt wurden, lässt sich auf dem ersten Album kaum einfangen. Wer z.B. European Son, das letzte Stück des ersten Albums mit der berühmten abziehbaren Warhol-Banane, hört, der wird davon überzeugt, dass es Punk schon zehn Jahre vor der offiziellen Zeitrechnung gab, nur hat keiner ein Wort dafür gefunden.
In seiner Autobiografie "What's Welsh for Zen", erschienen 1999, bemüht sich Cale mit gewissem Erfolg, die Spur geteilter Nadeln und Frauen, Ästhetik und Ideen objektiv zu schildern. Die Beziehung zwischen ihm und Reed wirkt symbiotisch, man hält sie fälschlich für ein Liebespaar. Tatsächlich, mutmaßt Cale bescheiden, war seine sexuelle Verweigerung womöglich ein Grund für Reed, den Freund und Katalysator aus der Band zu mobben. Cales kompositorischer Anteil an den Velvet Underground-Stücken ist größer, als es auf den Plattenhüllen dokumentiert ist. Cale macht von Beginn an Reeds Egomanie für Streitereien und Enttäuschungen verantwortlich, bis hin zu den letzten Gemeinschaftsarbeiten, dem mit Lob bedachten Warhol-Requiem "Songs for Drella" (1990) und der Velvet-Underground-Reunion von 1993.
Die Solojahre

Der Rausschmiss Cales im Oktober 1968 (nachdem Reed die anderen Mitglieder auf seine Seite gebracht hat) wird für ihn eine zentrale traumatische Erfahrung. Dafür bekommt er aber am gleichen Tag einen Vertrag von Columbia für zwei Alben und erhält dabei freie Hand für die Verbindung zwischen Klassik und Rockmusik. Viele Verträge und Plattenlabel werden folgen.
Fortan vergießt er sein Herzblut in den Soloarbeiten, produziert heute Legendäres von The Stooges (1969), Nico (1971) oder Patti Smith (1976) und Squeeze (1977), aber die wirklich beunruhigende Energie konzentriert er in seine Liveauftritte als Sänger, Gitarrist, Bassist und Pianist. Er gilt aufgrund seiner künstlerischen Unbestechlichkeit als geistiger Führer. Sein erstes Album nimmt er 1969 auf ("Vintage Violence"), es erscheint erst 1970 und zeigt sein gutes Händchen für bemerkenswert schöne und eigenständige Melodien.
Es folgt eine Kollaboration mit dem Komponisten Terry Riley (geboren 1935), Riley spielt auf der Aufnahme Klavier, Orgel und Sopransaxophon, das gemeinsame Werk heißt "Church of Anthrax" und erscheint 1971. Riley ist wie Philip Glass und Steve Reich ein Propagandist einer minimalistischen Komponiertechnik und Spielweise in der modernen Avantgardemusik. Bekannt ist sein Stück In C (1970), in dem er ein Ensemble aus Blasinstrumentalisten, Viola-, Marimba- und Vibraphonspielern 53 musikalische Fragmente über einem gleich bleibenden Pianopuls frei variieren lässt.
Seine Songs in dieser Zeit sind die besten, die er zu Papier bringt, überirdische Perlen, viel eleganter als alles, was von Lou Reed kommt: Christmas in Wales, Close Watch, Paris 1919, Hanky Panky Nohow, Ship of Fools, Buffalo Ballet.... Songs aus dieser Zeit werden auch von Künstlern gecovert. Seine Einspielungen hatten die "Qualität Hitchcockscher Mysterien": "Church of Anthrax" "vereint klassische Erinnerungen, aktuelle Rock-Gegenwart, und elektronische Zukunft zu raffinierten Essays musikalischer Universalität", "The Academy In Peril" (1972) "arrangiert die musikalische Geschichte Englands als konfusen Witz für Eingeweihte", "Paris 1919" (1973) verzerrt "die gesamte europäische Hochkultur durch eine dadaistisch-surrealistische Perspektive", "Fear" (1974) schreckt als "Abenteuer-Trip in die Nachtschatten-Welt eines Vierziger-Jahre-Films der schwarzen Serie".

Andy Warhol gestaltet das Cover der LP "The Academy in Peril" (1972), dafür hat John Cale Warhol den Song "Days of Steam" für dessen Film "Steam" zur Verfügung gestellt. Für das Cover von "Honi Soit" (1981) liefert Warhol die Idee.
Sonne scheint auch zu Beginn von Cales Solokarriere in Los Angeles ab 1973, die er als Talentscout für Warner Bros. finanziell fundieren kann. Hier trifft er die Studio-Elite der Westküste. Kalifornien, das heisst auch für Cale schnelle Autos, schneller Erfolg und schnelle Drogen. Privat tut sich jedoch bald ein weiterer Abgrund auf - neben drogeninduzierter Nachlässigkeiten vor allem in Form einer desaströsen Ehe mit einer Musikerin der von Frank Zappa protegierten Frauenband GTO. Es folgen der Umzug nach London, zwischen 1974 und 1975 drei gute, teilweise improvisierte, jedoch nicht erfolgreiche Platten auf dem Island-Label ("Fear", "Helen of Troy", "Slow Dazzle").
Während er sich die musikalischen Theorien aus dem klassischen Avantgardebereich holt, nutzt er, wie ein rockender Antonin Artaud, die Unmittelbarkeit des Populären. Ab einem bestimmten Punkt hält er die Performance für das "Wichtigste, was ich bis dahin getan habe." Die Initiation ist ein Auftritt in England mit Kevin Ayers (Soft Machine), Nico und dem exaltierten Roxy Music-Keyboarder Brian Eno, veröffentlicht unter dem Datum "June 1 1974", darauf Cales unvermeidliches, zum Standard gewordene Fassung von "Heartbreak Hotel" mit dem verzweifelten Gebrüll am Ende. Eno ist auf einigen Cale-Alben zwischen 1974 und 1989 vertreten und spielt mit Cale live auf der Bühne. Cale erscheint dafür auf zwei Alben von Eno.

Konzerte mit wechselnden Bandmitgliedern, ein paar verwüstete Bekanntschaften, und Cale kehrt 1975 ausgebrannt zurück nach New York. Krieg, Aggression, Zerstörung werden seine bevorzugten Metaphern. Das Publikum zu überrumpeln und zu konfrontieren, wird zur Therapie für seine Zerstörungswut, die sich im wirklichen Leben meist gegen ihn selbst richtet. Berüchtigt ist Cale jedoch mehr für die symbolischen Attacken aufs Publikum: vor allem für Verdunkelungsmanöver, für die gewalttätige Aura der Eishockeymaske etwa, die er bei Konzerten trägt, für das öffentlich ins Auditorium geköpfte Huhn in Croydon, 1976 (das jedoch schon vorher getötet wurde), mit dem er selbst die anwesenden Punks schockierte. "Kein Mitleid mit dem Huhn", sagt er heute.

"Eine Produktion", schreibt Cale, "ist erst komplett, wenn man sie auf Tour bringt und auf ein Publikum loslässt." Solcherlei Apodiktik, mit der er sich auch immer wieder seiner Rolle in den verschiedenen Partnerschaften versichert, zielt natürlich auch auf den "geschmacklosen Velvet-Kult", der den Blick auf seine eigene Musik verstellt.
Zwischen 1976 und 1980 erscheinen außer "Sabotage Live" (unveröffentlichtes Livematerial aus dieser Zeit) und einer EP mit drei Stücken, keine Aufnahmen, nur eine, nicht von Cale selbst verantwortete, Zusammenstellung namens "Guts", die einen Überblick des Schaffens der Siebzigerjahre gibt. "Honi Soit" aus dem Jahr 1981 kommt wieder frisch daher, in Rockbandbesetzung. Cale scheint die Errungenschaften der letzten Jahre (Punk) zu filtern, und vermischt sie mit Rock und New Wave. Riverbank ist wieder einer dieser klassischen Cale-Balladen für die Ewigkeit, Bestandteil seiner Soloabende.
"Music For A New Society" (1982), überwiegend solo aufgenommen, paralysiert als "Meisterwerk zum Puls-Aufschlitzen". "Music for a new Society" wird das am meisten gelobte Soloalbum bis dahin, ein kommerzieller Erfolg stellt sich jedoch wie bei den Vorgängern nicht ein. "Music for a New Society" ist freudianisch. Quälend ist das richtige Wort. Alle Figuren in den Liedern haben etwas verloren. Unglücklicherweise endet es für die Hauptfiguren immer in der Isolation. Die Stücke zu singen war für mich wie Method Acting."

"Caribbean Sunset" (1984), mit neuer Band und leider ein vollkommener Flop, gefolgt vom zweiten Live-Album "Cale Comes Alive" im gleichen Jahr, sitzt "wie die Pistole auf der Brust", "Artificial Intelligence" (1985) überraschte als "Werk eines Humanisten mit der Freude am Skizzieren von Miniaturen." Cale sah sich in seinem Metier fehl am Platz: "Ich habe im Rock ´n´ Roll nichts verloren. Ich muß immer wieder darauf hinweisen, daß ich ein klassischer Komponist bin, der seine musikalische Persönlichkeit damit verludert, im Rock`n`Roll zu dilettieren." Sollte es eine Rückkehr zur Klassik geben, "dann möchte ich wie Schostakowitsch dastehen. Wenn die Zukunft der klassischen Musik jedoch in den Händen von John Cale liegt, dann gnade uns Gott." John Cales Musik lebt vom Nebeneinander E-musikalischer Avantgarde und Popmusik. Sein Werk ist geprägt von Motiven des Kunstlieds, orchestralen Collagen, Film- und Balettmusiken und kathartischen Rock-Zornesorgien. Keiner weiß, was Cale auf dem nächsten Album macht und ist dann immer wieder überrascht. Durch diesen Zick-Zack-Kurs wird viel über den Mensch "Cale" ausgesagt: Innerlich zerrissen, kaum interessiert an Erfolg und Kontinuität, und
Dann geht die Leber kaputt, seine eigene und auch die von Lou Reed, und es sterben die Leute: sein Vater, der in der Autobiographie "eine leere Seite" bleibt, schon 1983, Warhol (1987), Nico (1988), die Mutter (1990).
Mitte der Achtzigerjahre scheint ihn die Geburt seiner Tochter Eden zu retten, auch nach der wieder unvermeidlichen Trennung von deren Mutter Risé. Er macht eine Entziehungskur, treibt besessen Sport, um seinen Körper jung zu halten, freut sich an Designerzwirn und stürzt sich in die Arbeit. Auch die verkorkste Velvet Underground-Reunion wirft ihn nicht nachhaltig aus der Bahn. "Ich habe im Moment die positivste und erfolgreichste Zeit meines Lebens", schreibt er. Er möchte dem Rockzirkus den Rücken kehren: "Ich habe versucht, ein Rockstar zu sein; daran bin ich nicht mehr interessiert. Glücklicherweise." "Gott weiß, warum ich nicht tun kann, was Brian Eno oder Lou Reed machen; und sie nicht das, was ich mache."

1989 kommt die zusammen mit Brian Eno produzierte "Words for the Dying" mit dem viersätzigen symphonischen "Falkland Suite" mit Texten von Dylan Thomas heraus. Die Zusammenarbeit endet 1990 nach dem gemeinsamen Popalbum "Wrong Way up", auf dem sich auch das eingängige Spinning Away befindet. Dieser Song wurde fast unverändert von der Gruppe Sugar Ray aufgenommen und im Jahr 2000 mit dem Soundtrack zum Film "The Beach" mit Di Caprio zum Hit gemacht.
Die Neunzigerjahre bringen zunächst einen kreativen Schub (Songs for Drella, Auftritte, Zusammenstellung von Samplern, die sechswöchige Velvet Underground-Reunion mit Europa-Tour im Juni und Juli 1993 mit Live-CD und Filmmusiken für französische Underground-Filme). Nach der Velvet-Tour ist dann aber endgültig die Luft aus der langjährigen Freundschaft und Kollaboration Cale/Reed. Eine US-Tour, ein Album und ein MTV-Unplugged-Album hätten folgen sollen, Reed will Produktion und Management an sich reißen und sieht den Rest der Band als pure Begleitung. Sterling Morrison stirbt 1995, ihm ist die Autobiographie gewidmet. Immerhin ist die mediokre Livedokumentation, zusammengesetzt aus drei Konzerten in Paris, eine vollständig zu nennende Velvet Underground-Bühnen-Werkschau mit John Cale an Viola, Bass und Keyboards mit einer Auswahl an Songs, wie sie wohl 26 Jahre früher auf der Bühne gespielt wurden, jedoch auch solche, die erst nach der Cale-Zeit entstanden.

1996 hat der "Rockstar" mit "Walking on Locusts" nach langer Zeit wieder ein poppiges Rockalbum geschaffen, ein eingängiges Album mit potentiellen Hits (z.B. Dancing Underwater), sehr homogen, auch mit countryhaftem Charakter durch Steelguitar oder Weltmusikanklängen. Fast klingt er wie die Talking Heads in ihrer Endphase, und David Byrne spielt bei einem Stück tatsächlich Gitarre und ist Koautor. Die Streichersoli- und Begleitungen stammen vom Soldier String Quartet.
Der walisische Eigenbrötler schuf die Musik zum multimedialen Spektakel "Life Underwater" und Songs zu den Filmen "Basquiat", "Eat/Kiss", "I shot Andy Warhol", "American Psycho" und auch wieder den Ton für weitere französische Filme. Im Mai 2000 wurde er Ehrendoktor der belgischen Universität Antwerpen.
Eine 1992 erschienene Aufnahme eines Soloauftritts mit Gitarre und Klavier und einem gewaltigen Überblick über sein Songschaffen nennt er "Fragments of a Rainy Season". In ihrem Lauf durch die Jahrzehnte wirkt sie wie eine autobiografische Herbstreise. "What's Welsh for Zen" funktioniert ähnlich, eben nicht nur gelebt, sondern auch komponiert. In der Einleitung heisst es: "Each piece in the book in a sense might be like a song in that its short, sweet, satisfying, amusing, informative and cool (and hip)."
Das Buch ist keine Abrechnung und auch kein Klatschbuch. Zu heftig ist die Selbstkritik, zu düster sind meist die Skandale um Sex, Drogen und andere Exzesse. "Während ich das Buch schreibe, werde ich trauriger und trauriger. Ich finde keine Selbsterkenntnis, nicht die geringste Selbstachtung und keine Vision", heisst es einmal in einer Passage zu den Achtzigerjahren. Auch in seinem Buch ist Cale wie in den Songs ein guter Erzähler, der sich der Stimmungen, die er vermittelt, sicher ist.

Im Juni und Juli 2003 geht Cale tatsächlich wieder mit einer (jungen) Rockband auf Tour und kommt auch nach Deutschland. Ende Mai 2003 erscheint als Vorgeschmack zunächst eine Mini-CD "Five Tracks" (mit lediglich fünf neuen Stücken eine Vorsichtmaßnahme des neuen Labels, die gute, alte Tante EMI?) Nein, im Herbst 2003 folgt eine komplette CD, "Hobo Sapiens", die wie "Five Tracks" von Cales elektronischen Samples lebt. Es ist auch endlich wieder die Viola, die in den Neunzigerjahren oft im Koffer bleiben musst, zu hören, auch eine elektrische. Nur zwei Jahre später wird "Black Acetate" nachgelegt, eine Anspielung auf alte Plattenpressungen auf schwarzem Azetat, vielleicht aber auch auf den "schwarzen", modernen "Dance-Sound". Die Band wurde jedenfalls ausgewechselt, es ist diesmal sehr rockig und groovig, und unter den Gitarren befinden sich auch Cales sechs Saiten, auf die er eindrischt. 2007 erscheint mit "Circus Live" eine Rückschau auf die jüngsten Auftritte.

Wie spielt Cale Bratsche?

Cales Bratschenspiel ist nicht lässt sich in mehrere unterschiedliche Stile aufteilen: Als Beispiel für sein Bratschenspiel bei Velvet Underground können Heroin (Lou Reed) sowie der Song The Black Angel`s Death Song (Cale/Reed), beide vom ersten Album und beide Beispiel für den typischen eintönigen, minimalistischen "Bordunstil", dienen. Bei Heroin mündet die repetative Spielweise jedoch in ein wüstes Solo, sehr ungewöhnlich und aufwühlend für die Zeit, wie alles bei Velvet Underground. Oft wurde auch von "elektronische Splitterbomben" geredet, die Cale bei Velvet Underground-Konzerten abgeworfen hat. Wall, ein Violasolo (kommt von den Aufnahmen zum ersten Soloalbum (Vintage Violence) und kam erst bei der Neuauflage auf die CD, steht noch für Cales avantgardistischen, minimalistischen Stil. Später übernimmt die Bratsche auch mal die Melodiestimme (siehe Days of Steam vom Instrumentalalbum "The Academy in Peril").
The Streets of Laredo vom Album "Honi Soit" ist eine ungewöhnliche Version eines amerikanischen traditionals, mit schöner melancholischer Soloviola. Daneben gibt es kurze Soli und viele Bratschenstimmen, die eher konventionell daherkommen und das Stück durchgehend begleiten (z.B. Stephanie Says, Sylvia Said). Kunstliedhaft wurde es, als er 1970 mit Nico an "Desertshore" arbeitete, er arrangierte die Instrumente um Nicos Gesang und Harmonium herum. "Afraid" wirkt mit Gesang, Klavier und Bratsche fast wie aus einem vergangenen Jahrhundert.
Von 1973 bis 1989 rückt die Bratsche bei Cale eher in den Hintergrund. Gitarre, Baß und Keyboards sind seine häufigsten Begleiter. Violabegleitungen von Cale hört man überwiegend auf Werken anderer Künstler. Erst 1990, mit den "Songs for Drella", die auch an alte Zeiten erinnern, wird Cale nostalgisch und setzt die Bratsche viermal, mit vielen Reminiszenzen an den Spielstil bei Velvet Underground ein. Natürlich ist die Bratsche auch beim Velvet Underground-Revival 1993 dabei. Auf den Alben "Hobo Sapiens" (2003) und "Black Acetate" (2005) wird sie öfter eingesetzt. Live setzt er (die elektrische) Viola leider nur bei Venus in Furs ein, seine Bühnenhommage an Nico.

Die folgenden zwei Aufstellungen sollen die Spuren, die Cale mit seiner Bratsche bei Velvet Underground, bei seinen Soloalben und bei anderen Künstlern hinterlassen hat, dokumentieren. Danach folgt eine vollständige Diskographie.

Sven-Martin Nielsen - März 2007

 

John Cales Viola auf den Alben von Velvet Underground und seinen Soloalben

Album
Jahr
Stücke
Bemerkungen

The Velvet Underground & Nico
1967
Sunday Morning, Venus in Furs, Heroin, The Black Angel`s Death Song
Mit Velvet Underground

White Light/White Heat
1968
Lady Godiva`s Operation, Here She Comes Now
Mit Velvet Underground

VU
1984
Stephanie Says
Mit Velvet Underground, später veröffentlichtes Stück

Another View
1986
Hey Mr. Rain (Version I und II)
Mit Velvet Underground, später veröffentlichte Stücke

Live MCMXCIII
1993
Venus in Furs, Hey Mr. Rain, Black Angel´s Death Song, Heroin, Pale Blue Eyes
Mit Velvet Underground

Vintage Violence
1970
Gideon´s Bible, Wall (Outtake)
Wall befindet sich auf der CD-Version

Church of Anthrax (mit Terry Riley)
1971
Church of Anthrax

The Academy in Peril
1972
The Philosopher, Legs Harry at Television Centre (Violaduett), Days of Steam, King Harry

Paris 1919
1973
Hanky Panky Nohow

Paris 1919 (Remaster-CD)
1973/

2006
Hanky Panky Nohow, Hanky Panky Nohow (Drone Mix)
CD mit Bonustiteln

Caged Heat (Soundtrack)
1974
Soundtrack besteht aus improvisierter Violastimme mit Gitarren- und Mundharmonikabegleitung
Soundtrack zum Film von Roger Corman, als Bootleg veröffentlicht

Fear
1974
Barracuda

The Man Who Couldn`t Afford to Orgy (Single)
1974
Sylvia Said (B-Seite)
Findet sich auch auf der 2-CD-Box “The Island Years”

June 1st 1974 (mit Kevin Ayers, Brian Eno und Nico)
1974
Two Goes into Four (Gesang: Kevin Ayers), Driving Me Backwards (Gesang: Brian Eno)
Songs von Kevin Ayers bzw. Brian Eno

Animal Justice (EP)
1977
Memphis
Chuck-Berry-Song

Sabotage (Live)
1979
Only Time Will Tell
Gesang: Deerfrance

Honi Soit
1981
Streets of Laredo
Amerikanischer Traditional-Song

Music for a new Society
1982
Chinese Envoy


Carribean Sunset
1984
Carribean Sunset

John Cale Comes Alive (Live)
1984
Never Give up on You
Kurzes Solo, Studioaufnahme

Even Cowgirls Get The Blues
1987
Dance of the Seven Veils
Livealbum 1978/79

Songs for Drella (mit Lou Reed)
1990
Style it Takes, Images, A Dream, Hello it`s Me

Wrong Way Up (mit Brian Eno)
1990
Cordoba, Spinning away

Paris S'Eveille
1991
Antarctica Starts Here
Neuaufnahme des Stückes von 1973

Last Day on Earth (mit Bob Neuwirth)
1994
Pastoral Angst, Instrumental

Dream Interpretation: Inside the Dream Syndicate Vol. II
2001
Dream Interpretation, A Midnight Rain of Green Wrens at the World`s Tallest Building
Mit Tony Conrad (zwischen 1962 und 1964 aufgenommen)

Stainless Gamelan: Inside the Dream Syndicate Vol. III
2001
At About this Time Mozart was Dead And Joseph Conrad Was Sailing the Seven Seas Learning English, Big Apple Express
Mit Sterling Morrison (1967) bzw. solo (1965) mit Tape

Five Tracks
2003
Verses, Chumps of Dumpty (we all are)
Mini-CD

Hobo Sapiens
2003
Set Me Free, Look Horizon, Magritte, Caravan
Set Me Free ist ein “Hidden Track” und eine Neuaufnahme eines Stückes von 1996

Le Bataclan `72 (mit Nico und Lou Reed)
2003
The Black Angel`s Death Song, Heroin, No One is There, Frozen Warnings, Pale Blue Eyes
Liveaufnahme aus dem Jahr 1972

Black Acetate
2005
Satisfied, Mailman (TheLyingSong)

Circus Live
2007
Venus in Furs

John Cales Viola auf den Alben anderer Künstler

Künstler
Album
Jahr
Stücke
Bemerkungen

Nico
Chelsea Girl
1966
It Was a Pleasure Then
Acht Minuten lang!

Nico
Marble Index

1969

No One is There, Julius Caesar (Momento Hodie), Frozen Warnings, Evening of Light

Nico
Desertshore
1970
Abschied, Afraid, All That is My Own

Earth Opera
The Great American Eagle Tragedy
1969
The Great American Eagle Tragedy

The Stooges
The Stooges
1969
We Will Fall
Über 10 Minuten lang!

Nick Drake
Bryter Layter
1970
Fly

Glass Harp
Glass Harp
1970
Stücke nicht bekannt

Mike Heron
Smiling Men with Bad Reputations
1971
Warm Heart Pastry


Tax Free
Tax Free
1971
Back By the Quinnipiac, All along the Shadowed Quay

Geoff Muldaur
Having a Wonderful Time
1975
Higher and Higher

Brian Eno

Another Green World
1975
Sky Saw, Golden Hours

Brian Eno
Music for Films
1978
Patrolling Wire Borders

The Replacements
All Shook Down
1990
Sadly Beautiful

Maureen Tucker
I Spent a Week There the Other Night
1991
(And) Then He Kissed Me, I´m Not
Velvet Underground-Besetzung

Maids of Gravity
The First Second
1996
Stücke nicht bekannt

Jack Smith
Les Evening Gowns Damnes
1998
Cold Stary Night
Mit Tony Conrad (zwischen 1962 und 1964 aufgenommen)

Jack Smith
Silent Shadows on Cimaroc Island
1999
Silent Shadows on Cimaroc Island
Mit Tony Conrad (zwischen 1962 und 1964 aufgenommen)

The Dream Syndicate
Day of Niagara: Inside the Dream Syndicate Vol. I
2001
Ein zusammen-hängendes Stück, aufgenommen am 25. April 1965
Mit Tony Conrad, Angus McLise, La Monte Young und Marian Zazeela

Diskographie (ohne Singles und Sampler, mit Label und Erscheinungsjahr)

· "The Velvet Underground & Nico" (mit Velvet Underground, Verve, 1967)
·
"White Light/White Heat" (mit Velvet Underground, Verve, 1968)
· "Vintage Violence" (Columbia, 1970)· "The Church of Anthrax" (mit Terry Riley, Columbia, 1971)
· "The Academy in Peril" (Reprise, 1972)
· "Paris 1919" (Reprise, 1973 und 2006)
· "Fear" (Island, 1974) · "June 1 1974" (mit Kevin Ayers, Brian Eno und Nico, Island, 1974)
· "Slow Dazzle" (Island, 1975)
· "Helen of Troy" (Island, 1975)
· "Sabotage Live" (Spy, 1979, Livealbum)
· "Honi Soit" (A&M, 1981)· "Music for a New Society" (Ze, 1983)
· "Carribean Sunset" (Ze, 1984)· "John Cale Comes Alive" (Ze, 1984)
· "VU" (mit Velvet Underground, Verve, 1984, unveröffentlichtes Material)
· "Artificial Intelligence" (Beggars Banquet, 1985)
· "Another View" (mit Velvet Underground, Verve, 1986, unveröffentlichtes Material)
· "Words for the Dying" (Opal, 1989)
· "Wrong Way Up" (mit Brian Eno, Opal, 1990)
· "Songs for Drella" (mit Lou Reed, Sire, 1990)
· "Paris S'Eveille" (Les Disques du Crespuscules, 1991, Soundtrack, Ballettmusik und andere Stücke)
· "Even Cowgirls Get The Blues" (Special Stock, 1987, Liveaufnahmen 1978)
· "Fragments for a Rainy Season" (Hannibal, 1992, Livealbum)
· "Cale Street" (Great Dane Records, 1992, Live in Hamburg 1983)
· "Live MCMXCIII" (mit Velvet Underground, Columbia, 1993, Livealbum)
· "3 Solo Pieces for La naissance de L'Amour" (Les Disques du Crespuscules, 1993, Soundtrack)
· "Last Day on Earth" (mit Bobby Neuwirth, MCA, 1994)
· "N'Oublier Pas Que Tu Vas Mourir" (Les Disques du Crespuscules, 1995, Soundtrack)
· "Antartida" (Les Disques du Crespuscules, 1995, Soundtrack)
· "Basquiat (Universal, 1996, Soundtrack)
· "Walking on Locusts" (Hannibal, 1996)
· "I Shot Andy Warhol" (TAG, 1996, Soundtrack)
· "Eat/Kiss" (Hannibal, 1997, Musik aus zwei Filmen von Andy Warhol)
· "Nico/Dance Music" (Detour, 1998, Balletmusik)
· "Somewhere in The City" (Velvel, 1998, Soundtrack)
· "Le Vent De La Nuit" (Les Disques du Crespuscules, Filmmusik, 1999)
· "The Unknown" (Les Disques du Crespuscules, Filmmusik, 1999)
· "Love Me" (Mercury France, 2000, Soundtrack)
· "Saint-Cyr" (Archipel 35/Virgin France, 2000, Soundtrack)
· "Sun Blindness Music" (Table of Elements, 2000)
· "Days of Niagara, Inside the Dream Syndicate Vol. I" (Table of Elements, 2001)
· "Dream Interpretation, Inside the Dream Syndicate Vol. II" (Table of Elements, 2001
· "Stainless Gamelan, Inside the Dream Syndicate Vol. III" (Table of Elements, 2001)
· "Five Tracks" (EMI, 2003, Mini-CD mit fünf neuen Stücken)
· "Hobo Sapiens" (EMI, 2003)· "Le Bataclan `72" (Alchemy, 2003)
· "Process" (Syntax, Soundtrack, 2004)· "Black Acetate" (EMI, 2005)
· "Circus Live" (EMI, 2007)

Quellen

· Victor Bockris und Gerard Mangala: Up-Tight - The Story of The Velvet Underground, Neuauflage, London 1996
· John Cale und Victor Bockris: What's Welsh for Zen?, London 1999
· Mark Ford: The style it takes, London Book of Reviews, Vol. 21, No. 18, London 1999
· Barry Graves, Bernward Halbscheffel, Siegried Schmidt-Joos: Das neue Rocklexikon, Hamburg 1998
· Frederick W. Harrison: West meets East - Or how the sitar came to be heard in western pop music, Journal on Media Culture, Ausgabe 4, April 2001
· Harald Klinke: The Velvet Underground Eine Untersuchung des ästhetischen Einflusses Andy Warhols auf die Band, unveröffentliche Seminararbeit an der Freien Universität Berlin, 1997
· Tim Mitchell: Sedition and Alchemy - A Biographie of John Cale, London 2003

 
     

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